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15. März 2019

Zukunft der Zeitungen

Pressefotos und die digitale Transformation

Aus einer Ausstellungseröffnung wurde ein öffentlicher Disput über das Prinzip "User First"

 

Zur Rede von Heidje Beutel bei der Ausstellungseröffnung "PresseFoto Hessen-Thüringen 2018" in Mühlhausen gab es Widerspruch von Jan Hollitzer, Chefredakteur der Thüringer Allgemeine (TA). Unmittelbar danach haben wir mit ihm Gespräche über die Zukunft der Zeitung vereinbart. Wir dokumentieren die Rede und die Anmerkungen von Jan Hollitzer, damit Sie sich ein eigenes Bild machen können.

 

"Wer weiß, wie lange es diese Fotos in gedruckten Zeitungen noch gibt!

 

Die Mediengruppe Thüringen will die digitale Strategie ausbauen und sich - wir wissen nicht wann - von der gedruckten Zeitung verabschieden. Der Grund: die Zustellkosten vor allem auf dem Land werden zu teuer. Der Verlag müsste Geld in das veraltete Druckhaus investieren. Dieser digitale Wandel wird auch die Fotografen Thüringens betreffen. Denn die Fotos der Ausstellung sind zum großen Teil in den gedruckten Zeitungen erschienen. Die Meisten wurden von Fotografen und Fotografinnen geschossen, die für die verschiedenen Zeitungstitel arbeiten. Sascha Fromm, der Sieger in der Kategorie "Kultur und Gesellschaft", ist zum Beispiel seit 1990 fest angestellter Bildredakteur bei der Thüringer Allgemeinen. Eckhard Jüngel, der Sieger in der Kategorie "Technik und Verkehr" ist seit 1990 bei der TA im Eichsfeld beschäftigt.

 

Wir vom DJV Thüringen kämpfen natürlich dafür, dass es neben digitalen Angeboten auch weiter gedruckte Zeitungen geben wird: sie liefern schließlich die Informationen über Politik, Sport, Kultur und Wirtschaft aus der Region, die die Bürger und Bürgerinnen brauchen. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass die FotografInnen und Journalisten so ihrer täglichen Arbeit nachgehen können, dass sie nicht vollkommen überlastet sind, frustriert werden, weil permanenter Zeitdruck krank macht. Die Gefahr gibt es nämlich auch bei der Entwicklung der Zeitungslandschaft. Die Mediengruppe Thüringen hat die Strategie "User First" ausgerufen. Das heißt, dass alle Informationen, alle Bilder möglichst schnell im Internet zu sehen sein sollen. Das kann bedeuten, dass ein Fotograf seine Bilder in schneller Abfolge in die Redaktion senden muss: zum Beispiel von einem Brand, einem Fest oder einem kulturellen Ereignis. Das ist nicht nur Stress. Guter Journalismus setzt Zeit für die Recherche voraus. Nur dadurch unterscheiden sich journalistische Produkte von Infoportalen im Netz.

 

Und es kann zu Lasten der Qualität der Bilder gehen. Ich erkläre es am Beispiel von Arne Dedert aus Frankfurt am Main. Von ihm stammt das "Foto des Jahres". Er hat am 25. August 2018 in der Wiesbadener Innenstadt beobachtet, wie beim Kunstfestivals "Wiesbaden Biennale" überraschend eine goldene Statue errichtet worden war. Sie zeigte den türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Arne Dedert arbeitet für die Agentur dpa und hatte die Zeit, die Vorgänge den ganzen Tag hindurch zu beobachten. Das beste Bild hat er zum Schluss gemacht. Es zeigt die Zusammenfassung: einige Zuschauer fanden die Statue geschmacklos, andere ließen sich mit ihrem Idol fotografieren. Polizisten sicherten die Kunstaktion ab. Die Jury hat das Foto mit dem Namen "Provokante Kunst" zu Recht zum "Foto des Jahres 2018" erwählt. Bei der "User First"-Strategie hätte Arne Dedert vielleicht den wichtigsten Zeitpunkt verpasst, weil er gerade andere, frühere Bilder sendet, oder er wäre von einer hektischen Redaktion woandershin geschickt worden, weil da spektakulärere Bilder zu erwarten wären.

 

Auch Sascha Fromm und Eckhard Jüngel müssten im Lauf des Tages mehr Bilder liefern, die ein Ereignis am Vormittag, am Mittag und am Abend abbilden.

Wir als DJV Thüringen wollen erreichen, dass unsere Kollegen und Kolleginnen nicht zu sehr gestresst sind. Wie das funktionieren kann, das wollen wir gemeinsam erarbeiten.

 

In der digitalen Strategie liegen aber auch Chancen: es können mehr Fotos veröffentlicht werden. Sie stehen platzmäßig nicht in Konkurrenz zu den Texten. Das zeigt zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung, die ich digital lese. Es sind mehr Fotos in der Online-Aufgabe als in der gedruckten Zeitung und ihre technische Qualität hängt nicht mehr mit der Druckqualität zusammen - sondern sie erstrahlen in schönen Farben auf dem Computer- oder iPad-Display.

 

Auf jeden Fall wollen wir weiterhin die Fotos unserer Kollegen und Kolleginnen würdigen und damit für den professionellen Fotojournalismus werben. Daher werden wir auch in Zukunft zusammen mit dem Landesverband Hessen den Fotowettbewerb durchführen. Dabei werden wir unterstützt von unserem Hauptsponsor: der Sparkassen-Finanzgruppe Hessen-Thüringen. Ich danke stellvertretend Dr. Jürgen Hanke, der heute Gast der Ausstellungseröffnung ist. Ohne sie gäbe es diesen Foto-Wettbewerb und diese Ausstellung anspruchsvoller Pressefotos nicht.

 

Die Fotoausstellung zeigt es: wir alle - die Leser, Kommunalpolitiker, Unternehmer, die schreibenden Journalisten - profitieren davon. Denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Fotos dokumentieren und erklären. Somit sind Fotojournalisten ein wichtiger Teil des Journalismus.

Ich wünsche ihnen nachher viel Zeit beim Betrachten unserer bewundernswerten Pressefotos und lade Sie zu einem Rundgang ein."

 

Anmerkungen von Jan Hollitzer, wie ich sie notiert habe: Die Arbeit der Redaktion soll leserzentriert sein. Die TA geht von Nutzungsgewohnheiten der Leser aus. Es geht nicht alles sofort online. Die TA schreibt Geschichten über den Tag fort. Die Qualitätsansprüche im Netz sind höher als in Tageszeitungen. Deshalb geht Qualität vor Geschwindigkeit.

 

Heidje Beutel

Vorsitzende DJV Thüringen