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09. März 2020

Doreen Huth überlegt

Schauen Frauen anders?

Doreen Huth, stellv. Vorsitzende des DJV Thüringen. Foto: privat

Der Deutsche Journalisten (sic) Verband hat in einer gemeinsamen Datenrecherche mit dem Spiegel festgestellt, dass die meisten Titelbilder der auflagenstarken Magazine in Deutschland von männlichen Fotografen gemacht werden. Ist das ein Problem? Macht das einen Unterschied für die NutzerInnen?

 

Wenn ja, müssten wir davon ausgehen, dass Frauen irgendwie anders auf Ereignisse und Menschen schauen. Schauen eine Fotografin und ein Fotograf auf ein und dasselbe Motiv, sehen sie aufgrund ihres Geschlechtes also jeweils was anderes. Biologisch lässt sich das nicht begründen. Es würde bedeuten, dass das biologische Geschlecht irgendwie die Funktion der Augen und die neuronale Verarbeitung der Reize im Gehirn beeinflusst. Ich bin keine Biologin, aber das scheint mir doch weit hergeholt. Dann müsste Mensch ja auch behaupten, dass Frauen anders Auto fahren, weil sie eine Vagina haben … Oh, Moment … Na, lassen wir das lieber.

 

Neben dem biologischen Geschlecht gibt es ja auch ein soziales. Im Englischen als „gender“ bezeichnet. Daraus leiten sich dann diese unheilvollen Worte wie „Genderwahnsinn“, „gendergerecht“ und „gegendert“ ab. Das soziale Geschlecht lässt Menschen anders auf Dinge schauen. Es hängt von unserer Erziehung, unserem Bildungsweg, unserem Wertesystem ab. Und wie werden Kinder klassisch mit ihren Geschlechtern konfrontiert?

 

„Jungs haben einen Penis, wo Mädchen nichts haben.“ Grundsätzlich falsch, denn Mädchen haben auch ein eigenes biologisches Geschlecht. Die Art wie Mädchen noch heute aufgeklärt werden, lässt einen den Kopf schütteln. Es ist der Beginn vom Ende der Emanzipation.

 

Jungs spielen mit Autos und kennen keinen Schmerz. Mädchen kümmern sich um Puppen und wollen Prinzessin Elsa sein. Jungs tragen blau, Mädchen rosa. Jungs werden Feuerwehrmänner, Mädchen Kindergärtnerinnen. Jungs haben es mehr mit Zahlen, Mädchen können toll zeichnen. Jungs lösen Probleme pragmatisch, vorzugsweise körperlich oder mit Technik. Mädchen wollen immer reden, sind intrigant und vermeiden Gewalt. Jungs programmieren, Mädchen rezitieren. Und so weiter.

 

Diese Klischees werden durch Medien gefestigt. Die Paw Patrol hat nur einen weiblichen Hund und wird von einem Jungen angeführt, der weibliche Sidekick führt nen Hundesalon (immerhin, sie scheint selbstständig zu sein). Tiersendungen haben weibliche Moderatorinnen, Experimente und Erklärshows haben männlich besetzte Protagonisten. Und da reden wir nur vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wer denkt sich das eigentlich aus? Wie ist die Rollenverteilung unter den AutorInnen solcher Sendungen? Der Kika beschäftigt sich tatsächlich mit dieser Frage. Durchaus möchte Mensch dort Klischees aufbrechen. Das gilt nicht nur für männlich/weiblich, sondern auch für die Themen Migration und Behinderung. Im Privatfernsehen und in den sozialen Medien bleiben wir oft in den Rollenbildern der 50er Jahre stecken.

 

Die Umfrage des DJV zu den UrheberInnen von Titelmotiven auf Magazinen ist wichtig. Denn der soziale Blick entscheidet. Es macht einen Unterschied, wie Frauen auf die Welt schauen und wie Männer es tun. Ob sie einen Migrationshintergrund haben oder eine Behinderung. Mit ihren Erfahrungen sehen sie Motive und drücken im für sie richtigen Moment ab. Sie filmen, texten, designen, weil sie die sind, zu denen ihre Erfahrungen sie gemacht haben. Und dazu gehört eben auch das soziale Geschlecht.

 

Die Berichterstattung wäre um so viel vielfältiger, reicher und tiefgründiger, und ja, näher an der Realität, wenn Redaktionen mehr auf ihre soziale Besetzung achten würden, wenn mehr Frauen ermutigt würden, ihre Bilder einzureichen, wenn ihre Stimme mehr Gewicht hätte – wie auch die Stimme von Menschen mit Migrationshintergrund oder einer Behinderung. Die Medien könnten noch wahrhaftiger berichten und noch mehr Menschen, die den gleichen Erfahrungsschatz teilen, erreichen.

 

Das nennt sich dann Diversität. Wieder ein Unwort für den alten weißen Mann. Aber eben nur, weil sein Blick immer noch der maßgebende ist. Der DJV bricht diesen Blick auf, etwa mit seinem „Experiment“ im Magazin „JournalistIn“. Ein erster kleiner Schritt zu mehr Gerechtigkeit, der sich – wie dem aktuellen Editorial zu entnehmen ist – schon jetzt für viele wie ein mittelschweres Erdbeben anfühlt. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Und Transparenz, wie sie die Umfrage der AG Foto und des Spiegels hergestellt haben, kann da nur helfen.