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Dead Paper Walking

07.07.2021

Doreen Huth, stv. Vorstandsvorsitzende DJV Thüringen

Kennen Sie Zombie-Zeitungen? Klingt nach einer schlechten Netflix-Idee? Ist aber einfach nur eine schlechte Geschäftsidee. Leider. In Deutschland gibt es davon jetzt eine mehr. Genauer: in Thüringen.

 

Seit Juli bezieht der Lokalteil der Ilmenauer „Thüringer Allgemeinen“, die sich ja schon mit der Redaktion aus dem südlichen Kreis zurückgezogen hat, seinen Inhalt von der Konkurrenz: dem „Freien Wort“, das zur süddeutschen Verlagsgruppe gehört. Fehlende AbonnentInnen und damit wirtschaftlicher Druck bei der TA, die zur Funke-Gruppe gehört, rechtfertigen es offenbar, auf eine eigene Berichterstattung zu verzichten. (Kurzfristig) gut für die Bilanz. Schlecht für den Lokaljournalismus und die Medienvielfalt, die in Thüringen sowieso zusehends immer dünner werden.

 

Die Ausgabe bleibt, die Inhalte liefert die Konkurrenz. Es lohnt nicht mehr, aus eigenen Kräften an den letzten 1500 AbonnentInnen festzuhalten. Für sie wird der Wechsel zur Konkurrenz jetzt leicht(er). Wenn sie denn wechseln und nicht gleich komplett das Vertrauen an ihre Zeitung, an den Journalismus überhaupt, verlieren.

 

Ein „toller“ Deal. „Thüringer Allgemeine – written by Freies Wort“. Jeden Erscheintag eine volle Zeitung, Stelleneinsparungen in Sicht. Doch welchen Preis zahlt die Mediengruppe damit wirklich? In Essen wird die Buchhaltung ein wenig zufriedener sein. Ich bin es ganz und gar nicht.

 

Auch der Betriebsrat der TA hat diese Entscheidung der Geschäftsführung lange diskutiert. Auch sie schaut mit Sorge auf den eingeschlagenen Weg, Inhalte von der Konkurrenz zu kaufen. “Dem Leser gegenüber ist der Rückzug aus einer Universitätsstadt kaum zu vermitteln. Wir appellieren an den Arbeitgeber, auf einen ähnlichen Weg in anderen Verbreitungsgebieten zu verzichten. Zugleich fordern wir, dass der Rückzug aus Ilmenau nicht zum schleichenden Abbau von Personal genutzt wird”, lauten die mahnenden Wort.

 

Ich - für meinen Teil - bin enttäuscht. Mit beiden Tageszeitungen in Thüringen fühle ich mich verbunden. In der einen wurde meine Liebe zum Lokaljournalismus geweckt, in der anderen wurde ich erwachsen. Ich habe bei beiden Zeitungen wunderbare, engagierte und leidenschaftliche JournalistInnen kennengelernt, von denen ich viel gelernt habe. Sie machen Zeitung mit Liebe zur Region, mit Haltung und mit einem unverbesserlichen Glauben an ihren Leserauftrag. Sie bieten jeden Tag Perspektiven, machen sonst Ungesehenes sichtbar, zeigen unterschiedliche Meinungen und lassen zu Wort kommen, wer sonst nicht gehört wird. Es sind die leisen, vielschichtigen Töne unseres täglichen Lebens, die in den Lokalzeitungen anklingen.

 

Jetzt ist da im Ilm-Kreis nur noch ein Rauschen der Monotonie. Wo keine Konkurrenz, da fehlt die Meinungsvielfalt. Da fehlt die andere Sicht. Da fehlt die Stimme, die dagegen hält und was anderes erzählt, die kritisch hinterfragt, was andere sagen. Das schwächt unsere Gesellschaft. Und es öffnet die Tore für Kanäle, die sowieso schon versuchen, mit alternativen Wirklichkeiten Hetze und Hass zu befördern.

 

Und es ist ein erster Schritt auf einem Weg, den wir uns noch nicht vorstellen wollen: dass  der Deal bald auch in die andere Richtung gedreht wird und die Thüringen-Nachrichten im „Freien Wort“ künftig made by TA sein können …

 

Den Preis zahlen dann alle!

 

Doreen Huth

 

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