Die Siegerbilder des Wettbewerbs 2020

Die Corona-Pandemie hat es unmöglich gemacht, die Bilder des Fotowettbewerbs 2020 öffentlich auszustellen. Also weichen wir auch dafür in die digitale Welt aus:

Foto des Jahres 2020

"Fahrstuhlgate" (Bodo Weissenborn, Karlsruhe)

Begründung der Jury:

Dicht gedrängt in einer Aufzugkabine stehen – viele Menschen dürften das schon vor COVID-19 als unangenehm empfunden haben. Sind es nicht Mediziner, die vermitteln, wie man sich und andere vor einer Ansteckung mit COVID-19 schützen kann? Sind es nicht Politiker, welche die Einhaltung von Hygieneregeln fordern? Und dann hält Bodo Weissenborn Mitte April 2020 genau diesen Moment im Bild fest: Mediziner und Politiker dicht gedrängt in einer Aufzugkabine. Der Anlass: Information im Uni-Klinikum Gießen über die aktuelle Corona-Lage in Krankenhäusern. Was für ein Aufzuggate! Mediziner und Politiker verhalten sich gedankenlos und wider besseren Wissens, so wie täglich viele andere Menschen auch. Ihr Verhalten, fotografiert und viral verbreitet, löste Unverständnis, Empörung, aber auch Belustigung aus.

Matthias Haupt

Siegerbilder "Beste Serie"

"Tage der Ohnmacht" (Bodo Weissenborn, Frankfurt/Main)

Begründung der Jury:

In der Kategorie „Beste Serie“ gewinnt Boris Roesslers Blick auf ein Ereignis, das im Februar 2020 über die Grenzen Hessens hinaus für Bestürzung gesorgt hat: der Mordanschlag auf zehn Menschen in Hanau. Roesslers Serie beginnt mit einer Aufnahme des Polizeieinsatzes in der Tatnacht und zeigt dann die Ereignisse der folgenden Tage. Hierbei richtet der Fotograf den Blick nicht auf die innenpolitische Dimension der Tat – es sind keine Politiker oder Fahnen auf Halbmast zu sehen, auch der Täter wird nicht direkt thematisiert. Stattdessen thematisiert Roessler die Opfer, indem er die Bilder des Einsatzes um unterschiedliche Arten der direkten Trauerbewältigung ergänzt: von großen Trauerfeiern, über religiöse Rituale bis hin zu einem Graffiti an der Wand eines Hanauer Jugendzentrums. Die bildgestalterische Klammer der Serie bietet die Farbigkeit, die von unterschiedlichen Grünt.nen in allen Bildern bis hin zur Wiederaufnahme des rot-weißen Absperrbandes aus der Tatnacht im Foto des Graffitis reicht. Trotzdem ästhetisiert der Fotograf seine Aufnahmen nicht künstlich, sondern bleibt in seiner Berichterstattung klassisch nachrichtlich.

Henner Flohr

Siegerbild "Menschen & Momente" 2020

„Stiller Protest“ (Sascha Fromm, Amt Wachsenburg)

Begründung der Jury:

Als sie von ihrem Platz aufsteht, weiß auch Susanne Hennig-Wellsow noch nicht, was einen Augenblick später passiert. Nur eines ist gewiss: Den Bruch aller demokratischen Konventionen, wonach es kein Paktieren mit Rechtsextremisten gibt, wird sie nicht einfach hinnehmen. Da steht er nun und schaut bedröppelt drein. Der Mann. Der Macho. Der mit den Cowboystiefeln ohne Pferd und ohne Kompass. Und da liegt er nun, der Blumenstrauß zu seinen Füßen. Eigentlich sollte es ein Routinevorgang sein: Der eine steht nach der Wahl da und nimmt die Honneurs entgegen, die anderen warten, bis sie mit ihrem Grün dran sind. Und dann passiert das Unerwartete und aus einem banalen Form-Gang wird ein Bild für die Geschichtsbücher. Ein Bild, das unsere Zeit illustriert. Wehe dem Fotografen, der gerade in diesem Moment das Objektiv wechselt. Wehe seiner Kollegin, die gerade die Treppe hinunterrennt, weil die Sicht von der Empore nur noch Langeweile verspricht. Wehe den Kollegen, die bereits „alles im Kasten haben“ und in der Kantine nach dem Kaffee anstehen. Ein Glück für uns: Sascha Fromm bleibt hochkonzentriert. Der „Stille Protest“ ist laut. Unüberhörbar.

Sergej Lochthofen

Siegerbild "Sport & Freizeit"

„Kampf auf Augenhöhe“ (Christoph Keil, Nordhausen)

Begründung der Jury:

Wir können die Sportler hinter ihrer Maske nicht erkennen. Wir wissen nicht, ob es Jungen oder Mädchen sind. Das Foto irritiert, weil Kinder gegeneinander kämpfen, obwohl üblicherweise Sportler mit und ohne Handicap getrennt antreten. Es ist ein düsteres Foto, Schwarz-Weiß zeigt Wirkung. Wir haben Mitgefühl mit dem Kind, das auf dem Allerwertesten landet – und können nur erahnen, dass es vielleicht Bruchteile später den Treffer des Gegners kassiert. Und zugleich ist es ein eindrucksvolles Foto: Es zeigt, dass jeder und jede alles erreichen kann, auch aus dem Rollstuhl heraus, der dem Kind auf der linken Seite vielleicht sogar Halt und Stabilität gibt, um den Stoß zu platzieren. Es ist ein Foto, dass eine starke Botschaft sendet: Mit Trainingsfleiß und Geschick, mit Konzentration und Entschlossenheit kannst du viel erreichen – im Sport und überhaupt im Leben!

Dirk Metz

Siegerbild "Kultur & Gesellschaft"

„Nur wenig Geleit“ (Dirk Zengel, Modautal)

Begründung der Jury:

Jeder stirbt für sich allein, wusste schon der berühmte Geheimagent Ihrer Majestät. Und wenn es so weitergeht mit dem Coronavirus, wird womöglich alsbald auch jeder für sich allein beerdigt. Auf dem Bild sind es immerhin noch neun Stühle, auf denen trauernde Hinterbliebene vor der Friedhofskirche Platz nehmen durften – was die Traurigkeit des Anlasses allerdings noch unterstreicht. Das hat wohl auch der Schöpfer dieses Fotos so gesehen und diese, im wahrsten Sinne des Wortes, Todesstimmung und Todesstille bildlich eingefangen. Kreuze, Gräber, Einsamkeit … als Kulisse für das Ende aller Tage. Mit dem Blick fürs Wesentliche geht Dirk Zengel als freiberuflicher Fotojournalist auf die Pirsch. Erfolgreich, wie der 1. Preis für sein Bild beweist.

Umberto Biagioni

Siegerbild "Umwelt & Natur"

„Löschversuch“ (Paul-Philipp Braun, Erfurt)

Begründung der Jury:

Der Wald brennt und doch sieht alles so beschaulich aus: Wie Nebelschwaden zieht der Rauch zwischen den Bäumen hindurch, ganz symmetrisch steht der Hubschrauber am Himmel und selbst seine  Wasserladung entlädt sich in einer anmutigen Kaskade. Es ist ein ruhiger, weiter Blick, den uns Paul-Philipp Braun auf die Szenerie gewährt und genau darin liegt der Reiz. Wir kennen weit aufgefasste Landschaftsfotos als idyllische Schönbilder, doch hier folgt auf den zweiten Blick Erschrecken. Der Nebel ist ja Rauch, der kleine Wasserfall doch viel zu schmal, um löschen zu können! Wenn er überhaupt den Brandherd trifft! Schon hat er uns am Haken, ganz subtil, ganz ohne lodernde Flammen und Feuerwehr-Action. „Nah dran“ gilt üblicherweise als Garant für Dramatik. Hier funktioniert es umgekehrt. Die Dramatik entsteht in unserem Kopf. Die trockenen Sommer haben die Waldbrandgefahr auch zu uns gebracht. Mit Brauns Aufnahme schwelt sie noch lange in unserem Bewusstsein.

Monika Plhal

Siegerbild "Technik & Verkehr"

„Stillgelegt“ (Michael Probst, Frankfurt/Main)

Begründung der Jury:

Flugzeuge sind nicht nur ästhetisch schön, wenn sie fliegen. Auch wenn sie in den lärmgedämmten Corona-Zeiten dichtgedrängt auf dem Boden stehen, haben diese Elefanten der Lüfte noch etwas Erhabenes an sich. Wie, Elefanten können doch gar nicht fliegen, sagen Sie. Unsinn, erinnern Sie sich an Ihre Jugendzeit, als Sie noch die Abenteuer von „Dumbo – der fliegende Elefant“ lasen. Jetzt stehen die Maschinen virusbedingt sozusagen auf dem Elefantenfriedhof, wo sie aber wenigstens kein Tarzan oder Akim vor gierigen Elfenbeinräubern schützen muss. Geduldig warten sie, allzeit startbereit, auf ihre Wiederauferstehung und sehen sehnsüchtig den Kranichen nach, die lärmend gen Süden fliegen. Eine Weile werden die Kraniche der Lufthansa und andere Verkehrsvögel wohl noch ausharren müssen, bis sie sich wieder zu den Sehnsuchtszielen aufschwingen dürfen. Michael Probst, von 1985 bis 1989 Fotograf bei dpa, von 1989 bis 1994 bei Reuters und dann bei AP, ist es gelungen, mit dieser Aufnahme ein wenig Melancholie und Wehmut in der ansonsten eher kalten Technikwelt zu finden.

Umberto Biagioni

Siegerbild Sonderthema "Freier Journalismus"

„Mit dem Gesicht zum Volke“ (Paul-Philipp Braun, Erfurt)

Begründung der Jury:

Kaum eine Berufsgruppe hat so mit schwierigen Arbeitsbedingungen, unregelmäßigen Arbeitszeiten und gleichzeitig prekärer Bezahlung zu kämpfen wie freie Fotografinnen und Fotografen. Das Siegerfoto wurde nachts um halb zehn aufgenommen, zu einer Zeit also, zu der andere längst Feierabend haben oder sich  den Einsatz zu außergewöhnlicher Zeit zumindest vergüten lassen. Davon können Freie oft nur träumen. Von ihnen wird erwartet, dass sie liefern. Paul-Philipp Braun hat geliefert – und als Sieger der Kategorie „Freier Journalismus“ hat es sich, zumindest für ihn, auch gelohnt.

Sebastian Scholz

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